Nachbarn im Gespräch: Lena Reich sagt: „Ich bin ungeduldig“

Sie reflektiert. Und handelt dann vor der eigenen Haustür. „Was ich tue, das ist einfach Nachbarschaftsdenken“, sagt Lena Reich, die sich im Kiez und darüber hinaus an vielen Ecken einsetzt.

Lena Reich

Lena Reich

Bei einem Treffen auf einen Kaffee gibt Lena Reich nach wenigen Minuten mehrere Buchtipps. „Kritik der schwarzen Vernunft“ von Achille Mbembe (2014) oder „Europa erfindet die Zigeuner: Eine Geschichte von Faszination und Verachtung“ von Klaus-Michael Bogdal (2011) sind zwei dieser Empfehlungen. „Ja, ich mache mir viele Gedanken“, sagt Lena Reich.

Vor allem Gedanken zum Thema Rassismus treiben sie um. Aber nicht bloß theoretisch und abstrakt beschäftigt sie sich mit dem Problem Rassismus im Alltag. Für sie ist es wichtig, in ihrem Umfeld und ihrem Leben anzupacken. „Ich höre oft, dass ich mit den Roma vor der Stephanuskirche reden solle, weil ich mit ihnen so gut könne. Solches Herangehen ärgert mich. Denn jeder kann sie ansprechen und mit ihnen reden.“ Was jeder tun könnte, das tut Lena Reich. Der nachbarschaftliche Kontakt zu einer Romafamilie entstand einfach deshalb, weil sie seit 2005 im Gemeindehaus der Stephanuskirche Tür an Tür mit dieser Familie wohnt. „Wir hatten viel Zoff über Müll und Lärm. Natürlich. Aber wir haben uns über die Kinder, die im Gemeindegarten zusammen gespielt haben, dann immer weiter kennengelernt. Ganz normal!“

Als normal und als überhaupt nicht ungewöhnlich empfindet sie ihren Einsatz für die Initiative „Wedding.hilft“ im Jahr 2015. „Aber ich bin ungeduldig“, sagt die 37-jährige. Statt für die Initiative in Gremienarbeit zu gehen, hat sie einer geflüchteten Familie praktisch geholfen und hält noch heute Kontakt zu ihr.

Es sind zwei sich ergänzende Eigenschaften, die Lena Reich bewegen. Der gebildete Teil in ihr sagt durchdachte Sätze wie: „Jeder sollte sich mit seinen eigenen Rassismen auseinandersetzen.“ Der anpackende Teil in ihr zählt auf: „Ich springe jetzt ein, um das Projekt mit den Romakindern zu einem Erfolg zu führen.“ Oder: „Für die kleine Ausstellung Weddinger Freiheiten habe ich ein Videobeitrag gedreht.“

Seit 2014 arbeitet Lena Reich im Kiez ehrenamtlich im Quartiersrat mit. „Das Quartiersmanagement hat nur ein kleines Handlungsfeld. Aber für mich ist die Arbeit dort dennoch gut, ich bekomme viel über den Kiez mit.“ Themen wie Milieuschutz oder Schulsanierung, sind dagegen Diskussionen die „schleppen“.

Als Journalistin schreibt sie für Amnesty International. Aber auch im Art Magazin, in der Tageszeitung Junge Welt, bei Spiegel Online, Zeit-Online oder Zitty sind ihre Reportagen zu finden. Ihre Magisterarbeit „Miss GULAG und die Rolle des weiblichen Körpers in der russischen Lagerliteratur“ hat sie 2013 veröffentlicht. Aktuell arbeitet sie an einem Kinderbuch, für das sie noch einen Verlag sucht.

21. November 2017