Der vierte Panke Parcours rockt Gesundbrunnen und Wedding

Reportage vom Panke Parcours am 16. September.

Panke Parcours 2017

Musiker beim Panke Parcours 2017

Glück muss man haben! Drei Tage lang pfiff der Wind über Norddeutschland, brachte schwere Wolken mit kurzen, aber heftigen Regengüssen und drückte die Temperaturen auf gefühlte zehn Grad. So ging es bis Freitag, am Nachmittag prasselten ein letztes Mal fette Regentropfen auf den Berliner Boden, der sich in diesem Jahr wohl nie das Adjektiv "ausgedörrt" verdient hatte. Aber dann war es vorbei und pünktlich zum Wochenende kehrte die Sonne zurück.

Gut so! Denn Samstag war Panke Parcours-Tag, und da muss Regen draußen bleiben! Beziehungsweise woanders, denn draußen ist ja das Programm. Zum vierten Mal verwandelte sich am 16. September von 14 bis 19 Uhr der Fluss im Gesundbrunnen in das Epizentrum eines Kulturfestivals, das sich gewaschen hatte. Erstmals erstreckte sich das Festival in diesem Jahr auch auf Gebiete nördlich der Soldiner Straße. Den Festival-Nordpol bildete das Franzosenbecken, von dem aus sich in Richtung Süden insgesamt 12 Spielorte entlang der Panke auffädelten. Südlichster Punkt ist eigentlich die Wilma, nach spontaner Verschiebeaktion wurde es aber die Terrasse des Eiscafés Luise direkt an der Badstraße.

Panke Parcours-Veteran Stefan Höppe ist zum vierten Mal als Mitveranstalter dabei. Bisher war er über Kiezklang an der Durchführung des Panke Parcours beteiligt, nun stand er in Kooperation mit der Weddinger Kommunikationsagentur georg+georg als Veranstalter im Programmheft. Bestimmt kein Nachteil, denn er sagt: "Der Panke Parcours ist von Jahr zu Jahr besser geworden. 2017 macht da keine Ausnahme."

Neu am diesjährigen Panke Parcours ist nicht nur der Spielraum, sondern auch die Bezeichnung der Bühnen. Von Norden aus sind die Bühnen in alphabetischer Reihenfolge nach Wassertieren benannt, logisch, es ist ja ein Festival am Fluss. Also geht es am Franzosenbecken mit der Auster los, dann kommen Biber, Clownfisch und Delphin und am Südzipfel warten Jakobsmuschel, Krokodil und die Ente Wilma (einzige außeralphabetarische Bühne) auf die Besucher. Wobei, wie schon erwähnt, Jonny Herzberg seine Jakobsmuschel-Bühne kurzerhand aus dem Alphabet hievte, um sie sodann ans Ente, pardon Ende des Parcours zu stellen.

Wo anfangen? Starten wir im Kiez rund um die Badstraße bei den beiden letztgenannten Bühnen. Ursprünglicher Platz für die Jakobsmuschel war die Wiese hinter der Bibliothek am Luisenbad, aber dort gab es Probleme mit der Stromversorgung, so dass sich Bühnenpate Jonny Herzberg nach einer Alternative umsah. Fündig wurde er bei Carlos, Betreiber der "Luise", der gern die Terrasse und Strom bereit stellte und obendrein Jonny und seinen Musikern die Möblierung überließ. Dafür gab es dem Wetter entsprechend jede Menge leckeres Eis, von Carlos persönlich portioniert. Freilich waren Ente und Jakobsmuschel nun eng beieinander. Die Durchschlagskraft beider Anlagen sorgte aber dafür, dass man bei Jonny Herzberg Roma-Pop und -Swing in allen möglichen Variationen und vor der Wilma Elektro, Rock, Beatboxing, Songwriter und Gitarren-Heroen jeweils ohne akustische Beimischungen genießen konnte. Viele hundert Menschen werden im Laufe des Nachmittags dort gewesen sein, im Gedränge kam man nur mit Tippelschritten vorwärts. Des einen Bratwurst (Jonny Herzberg) war des anderen Crêpes (Wilma), sodass niemand hungrig weiter ziehen musste.

Die dritte Bühne im QM-Gebiet Badstraße, Krokodil genannt, präsentierte einen Beitrag von Thomas Gerwin, den er im Rahmen des zeitgleich stattfindenden Klangkunst-Festivals aufführte. Auch dort: WikiWedding, ein Projekt in Kooperation mit Wikipedia. Badstraßen-Quartiersrat Günter Fuchs betreute den Stand und erklärte interessierten Nachbarn, wie sie an der Plattform Wikipedia partizipieren können.

Wendet man sich von diesen drei Bühnen Richtung Norden, gilt es ein Stück Weges bis zur Osloer Straße hinter sich zu bringen, ohne dass hier weitere Bühnen stehen. Dies hat sich in den Vorjahren als nachteilig heraus gestellt. Dieses Jahr hatten sich die Veranstalter mit Stelzenläufern, Riesenseifenblasen, dem Auftritt eines Mädchen-Tanzensembles und einem engmaschig gehängten Leitsystem bemüht, diese Lücke zu schließen und die Besucher zu animieren, den Weg an der Panke weiter zu gehen. Wer dies tat - und das waren die meisten - wurde belohnt.

Gleich hinter der Osloer Straße lauerte der Hummer auf arglose Passanten und überfiel sie erbarmungslos mit Reggae-, Dub- und Ragga-Klängen. Unter Anleitung der feurigen Bühnenpatronin Bianca Ciocca half da nur eins: Tanzen bis zur totalen Erschöpfung. Gut, letzteres ist übertrieben, aber selten hat diese so oft übersehene Reggae-Lichtung bessere Stimmung erlebt. Oder nie. Sinnlos, hier das Line-Up von Hotta Henne bis Bony Selektor herunter zu beten. Nur soviel, es war grandios! Und es wurde gewippt und geschüttelt was die Dreads hergaben.

Gleich gegenüber der Panke stand ein stacheliges Tierchen: der Igel. Der dort aufgebaute Pankemarkt wartete mit Tauschangeboten, Essen, Trinken, RepairCafé und vielem anderen auf und auf Besucher. Diese kamen ziemlich zahlreich, sodass zumindest alle kulinarischen Angebote Nachschub holen mussten. Brigitte Lüdecke als Bühnenpatin hatte die Zusammenstellung des Marktes organisiert und zog am Ende des Tages ein zufriedenes Fazit. Streifen wir Eisbär (Gospel-Chor-Improvisationen in der Jesus-Miracle-Harvest-Church), Frosch (Instrumentenbau- und Graffitiworkshop vor der PA 58) und Goldfisch (Bewegungsangebote auf dem Spielplatz Panketal) nur kurz, um es uns am Delphin gemütlich zu machen. Hier, am Panke-Haus, ist so etwas wie das inoffizielle Zentrum des Festivals. Vor einem von einem Künstler gestalteten Delphin aus Obstkisten, wurde auf der planierten Freifläche die Soundanlage des Soldiner Kiezes aufgebaut und über den gesamten Nachmittag mit einem bunten Programm bespielt. Hier gab es um 14 Uhr auch den offiziellen Startschuss für den Panke Parcours. Nicole Figge vom Panke-Haus, Cornelia Cremer und Sherin Buchwald vom Quartiersmanagement Soldiner Kiez, Isabell Zerbe vom Familienzentrum Osloer Straße und Volker Kuntzsch vom Organisationsteam bei georg+georg eröffneten gemeinsam die Veranstaltung. Das von Dina Nurpeissova zusammengestellte Programm war bunt wie das Angebot des Panke-Hauses und reichte von Nachbarschaftschor über Jazz und Blues bis hin zu Fun-Rock.

Gleich auf der anderen Seite der Panke und der Soldiner Straße erheiterte der Clownfisch das Publikum musikalisch mit Deutsch-Rap, Popchor und -musik. Tontechnik-Guru Günter Kaiser belieferte routiniert die hier wie auf dem gesamten Festival im Stundentakt wechselnden Acts mit phantastischen Mixes. Nun mag man sich fragen, wer überhaupt den Panke Parcours in Gänze erlebt hat. Genaue Erhebungen dazu gibt es nicht, von 140 Individuen aber lässt es sich mit Gewissheit sagen: Entenrennen! Kleine gelbe Quietscheentchen werden an der Brücke vorm Franzosenbecken zu Wasser gelassen und durch den Panke Parcours bis zur Brücke am Luisenbad geschickt. Teilnehmer konnten eine Ente "mieten" und diese in ein gnadenloses Wettrennen schicken. Mit etwas Glück aber konnte der Schwimmvogel für seine Absender tolle Preise aus dem Kiez wie Fahrradinspektionen, Diabolos, Frühstücksgutscheine oder Kinokarten gewinnen. Der Andrang war gewaltig, alle 140 Enten binnen Minuten ausverkauft. Als sich dann eine gelbe Insel mit einigen Ausreißern auf die Reise machte, war das nicht nur für Entenmieter ein großes Ereignis. Einige der Wettschwimmer verstießen zwar eklatant gegen alle Regeln der Fairness, indem sie ihre Kontrahenten schubsten, unterstukten oder abdrängten. Dennoch gab es keine Disqualifikationen, weil Absicht schwer nachzuweisen war. Am Ende drängten sich viele Entenpaten auf der Zielbrücke um das im Foto-Finish entschiedene Quak-Quak-Rennen zu beobachten.

Ein weiteres Highlight bot schließlich die Auster. Hier hatten die Betreiber des Bistro Mirage ihr Lager aufgeschlagen, um mit Elektro, Ambient und Warehouse das Franzosenbecken erfreulich zu beschallen. Unvergesslich: Der Sonnenuntergang dort mit einem Bier in der Hand, am Horizont schweben die Flugzeuge ein, die man ausnahmsweise einmal nicht hört. Coole Elektrosounds komplettieren die Szenerie wie die Handstriche eines Meisters.

Groovend werden Statements von groovenden Parcouristen eingeholt. "Definitiv eines meiner Wedding-Highlights in diesem Jahr", erzählt einer, der am Nauener Platz wohnt. "Ich ziehe bald mit meiner Freundin zusammen, weg aus dem Wedding. Das hier wird mir dort fehlen", meint sein Noch-Mitbewohner. Ein Mädchen mit Rastalocken: "Anderthalb Kilometer Wedding vom Feinsten. Bleiben oder gehen, die Entscheidung war an vielen Bühnen schwer. Jetzt bin ich aber froh, hier gelandet zu sein." Andere loben Logo, Leitsystem und Plakate. Gut angekommen sind auch die tierischen Bühnennamen, die als leicht memorabel und identitätsstiftend für die Spielorte bezeichnet werden.

Die Sonne verschwindet hinter den Kleingärten, und der Panke Parcours 2017 geht zu Ende. Ein Festival mit Glück - aber nicht nur. Denn was hinter dem Gelingen steht, ist mehr als Glück beim Wetter. Hinzu kommen Engagement und Energie der vielen ehrenamtlichen Unterstützer aus den Kiezen an der Panke. Und natürlich auch der Enthusiasmus der vielen Musiker und Künstler, die für kein bis sehr wenig Geld dieses Festival für viele unvergesslich machten.

Text: Johannes Hayner

Lieben Dank an die Kolleg_innen aus dem QM Badstraße, die uns den Artikel zur Verfügung gestellt haben!

www.badstrasse-quartier.de/quartiersmanagement/artikel/296-leben-am-fluss